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MOSKAU, TIFLIS, KÖNIGSBERG

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THEE-HANDELSGESELLSCHAFT

W.WYSSOTSKY UND CO. IN MOSKAU

Die wohl teuerste historische Tee-Aktie in meiner Sammlung stammt von der Firma W. Wyssotsky (heutige Schreibweise: Wissotzky) in Moskau aus dem Jahre 1910.

Es handelt sich um einen Anteilschein über 500 Rubel bei einem Grundkapital von 10 Millionen Rubel. Das Papier berechtigte zum Empfang einer jährlichen Dividende und ist mit einem entsprechenden Couponbogen ausgestattet. Die Firma besteht seit 1849 und gehört damit zu den ältesten Teeunternehmungen in der Welt. Aufgewachsen in einer ärmlichen jüdischen Kaufmannsfamilie, erkannte der Gründer Klonimus Wolf Wissotzky das Potential, welches im Teehandel steckte.

WISSOTZKY TEA – GENUSS FÜR DEN ZAREN

Schon bald gewann Wissotzky Tea eine treu ergebene Käuferschicht im gesamten russischen Reich bis hin zur Zarenfamilie. Bis 1904 erweiterte die Firma ihre Aktivitäten nach Deutschland, Frankreich, New York und Canada. 1907 gründete man in London die Anglo-Asiatic Company und erwarb Plantagen in Indien und auf Ceylon. In dem Zeitraum von Anfang 1900 bis 1917 war die Wissotzky Tea Company die größte Teefirma der Welt.
 

Durch die bolschewistische Revolution im Jahre 1917 wurden alle Privatfirmen verstaatlicht, dennoch dauerte die Auflösung von Wissotzky Tea noch weitere zwei Jahre, bedingt durch die Abwicklung der sozialen Vergütungen für die Belegschaft. Während der Revolution gab es einen antisemitischen Spruch in der russischen Gesellschaft, der die jüdische Dominanz im Lande veranschaulichen sollte: „Tea of Wissotzky, Sugar of Brodsky and Russia of Trotsky“.

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DAS GESCHÄFT KOMMT ZUM ERLIEGEN

Dass das Geschäft 1917 zum Erliegen kam, beweist der Couponbogen an der Aktie in meiner Sammlung.

 

Während die Coupons 1 – 7 seit 1910 zum Dividendenempfang eingelöst wurden, ist ab 1917 die Dividendenzahlung eingestellt worden, da sich die Firma in der Auflösung befand. Die Wissotzky Familie emigrierte in die USA und nach Europa und eröffnete Filialen in Italien, Polen und anderen europäischen Ländern. Hauptsitz nach der russischen Revolution wurde London, während die polnische Unternehmung hauptsächlich die vielen russischen Emigranten mit deren gewohnten Qualitäten belieferte. Die Firma in Danzig wurde von Solomon Seidler geleitet, einem Nachkommen der Wissotzky Familie.
 

Simon Seidler, der Sohn von Solomon, spürte 1936 die Gefahr des bevorstehenden Krieges, verließ Polen und ging nach Palestina. In den folgenden Jahren verlor die Familie viele Mitglieder durch den Holocaust und ihre Besitztümer in Europa. Simon Seidler errichtete einen Umschlagplatz im Mittleren Osten. Er ergriff die Möglichkeit, ein Mandat des englischen Könighauses zu erlangen und verkaufte Tee an britische Soldaten, die in Palestina stationiert waren und etablierte damit seine Marke. Simon Seidler schuf Packkapazitäten und erweiterte nach und nach sein Angebot.

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Die Anglo-Asiatic Ltd. in London wurde 1950 nach dem Tode des Geschäftsführers eingestellt. 1957 starb Simon Seidler und seine Frau Ida Seidler übernahm die Firma und gab ihr einen modernen Anstrich in Bezug auf Herstellung und Vermarktung der Produkte. Heute wird die Firma von Shalom Seidler geleitet und hat ihren Sitz in Tel Aviv mit einer hochmodernen Produktionsstätte in Galiläa mit ca. 400 Beschäftigten. Wissotzky Tea hat in Israel einen Anteil am Teeumsatz von ca. 76 %. Man vertreibt seine Produkte weltweit nach Canada, UK, Australien, Japan und Süd-Korea, Ungarn, Russland, Ukraine und verschiedene andere europäische Länder. In die Staaten liefert man Kosher zertifizierte Produkte und bedient den Massenmarkt mit Pyramidenbeutel der Marke „Signature Collection“.


Wissotzky Tea erwarb Zeta Olive Oil und Lahmi, eine führende Backwarenfirma. 2012 formierten sich alle drei Firmen zur Wissotzky Group, ein Gourmet- und Delikatessen Konglomerat.

ЧАЙ – ГРУЗИЯ (TEE – GEORGIEN)

Die folgende Aktie gab mir ursprünglich einige Rätsel auf. Ich hatte sie zwar als Tee-Aktie gekauft, aber sicher war ich mir nicht, denn ich konnte die kyrillischen und georgischen Schriftzeichen natürlich nicht entziffern. Etwas mühsam habe ich mich im Internet dank kyrillischer Tastatur und russischer Übersetzung schlau gemacht.

Es handelt sich tatsächlich um eine Aktie des Zentralverbandes der Verbraucher für die Herstellung von Tee in Georgien, ausgestellt in Tiflis im Jahre 1926. Im Gegensatz zur Aktie der Firma Wissotzky, ist aber nur einmal eine Dividendenzahlung erfolgt. Der Aussteller hatte offenbar bereits im zweiten Jahr seine Dividendenzahlungen eingestellt, denn der Couponbogen ist bis auf ein Jahr vollständig erhalten. Eine Rückzahlung der 500 Rubel Nennwert hat offensichtlich auch nicht stattgefunden, denn die Aktie befindet sich unentwertet in meinem Besitz.

Georgien ist nicht nur das älteste Weinanbaugebiet der Welt, sondern hat auch noch die nördlichste Teeproduktion. Bereits 1870 hatte der Zar an der Schwarzmeerküste, der jetzigen autonomen Region Abchasien, Teegärten anlegen lassen. Da weder Menge noch Qualität ausreichten, versuchte man den Teeanbau im georgischen Kaukasusvorland und in Azerbaijan. Die Sowjetregierung verstaatlichte alle im Zarenbesitz befindlichen Teegärten. Sie wurden weiter bewirtschaftet und die Sowjetunion gehörte zu den größten Erzeugerländern von Schwarztee.

In Grusinien (der russische Name für Georgien) und Abchasien wurden alle Teeplantagen durch die Kriegseinwirkungen in den Jahren 1993/95 zerstört und die Produktion kam gänzlich zum Erliegen. In der kaukasischen Region ging die Teeproduktion dramatisch zurück. Grund waren fehlende technische und logistische Kapazitäten, außerdem kam hinzu, dass die einheimischen Sorten durch Importe verdrängt wurden, da der Binnenmarkt für Tees aus Sri Lanka, Indien und China geöffnet wurde.Heute importiert Georgien dreieinhalb Mal mehr, als man selbst produziert.
 

Aus heutiger Sicht spielt die Region als Teeproduzent keine wichtige Rolle mehr, zumal durch das raue Klima die Qualität als sehr gering eingestuft werden muss. Als nach dem Verfall der Sowjetunion der Absatzmarkt wegbrach, verwilderten die Teegärten. Die verlassenen Teefabriken wurden ausgeraubt und die Geräte und Maschinen häufig als Altmetall ins Ausland verkauft. Die Teefelder überwucherten und eine Rekultivierung war kaum finanzierbar. Georgien produzierte noch im Jahre 1993 77.000t Tee.Zwischen 2006 und 2014 ging die Produktion von 6.600t auf 1.800t zurück.

Mein damaliger Partner, Peter Flägel, hat in den 70er Jahren Tiflis, die Teeplantagen und Fabriken besucht. Er hatte nach seiner Rückkehr noch leichte Probleme, da schon beim Frühstück nur georgischer Branntwein getrunken wurde. Allerdings aus Teebechern!

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DIE KOENIGSBERGER THEE-COMPAGNIE

Ein seltenes Fundstück ist eine Rechnung der Koenigsberger Thee-Compagnie in Berlin aus dem Jahre 1888. Hier hat ein Herr aus Ahnsen in Niedersachsen seine Rechnung für, wie es zu der Zeit üblich war, chinesische Qualitäten erhalten. Auch damals gab es offenbar schon Versandhandel. Die Bestellungen erfolgten aber sicherlich per Postkarte und nicht online!

Über die Firma habe ich nicht sehr viel in Erfahrung bringen können. Sie wurde in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, gegründet und hatte Niederlassungen in London, Moskau und Hankow in China. Gründer und Besitzer der Compagnie war eine Kaufmannsfamilie Borchardt aus Königsberg. Robert Martin Borchardt leitete von 1877 bis 1882 die Niederlassung in Moskau, bevor er mit seiner Familie nach Berlin ging. Dies geht aus dem Lebenslauf seines Sohnes Rudolf Borchardt, dem herausragenden deutschen Schriftsteller und Lyriker, hervor.

Philip Hirschfeld war Miteigentümer und englischer Repräsentant der KTC in London und mit einer Schwester von Robert Martin Borchardt verheiratet. Dieses konnte ich aus Beschreibungen über einen Stolperstein ihrer Tochter Marie Rubens in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf entnehmen. Lediglich über die Niederlassung in China konnte ich keine Einzelheiten herausfinden, gehe aber davon aus, dass man auch dort eine Repräsentanz hatte Die Koenigsberger Thee- Compagnie wurde offenbar zu einem späteren Zeitpunkt in Alt Berliner Thee-Compagnie umbenannt, die aber heute nicht mehr existiert.
 

Juni 2020

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